a- Historische Verschwörungen halten Entwicklungen nicht auf, sie beschleunigen sie
Die Zeit nach 1990 stellt für die Welt, die Region, das Land, die PKK und mich einen neuen Prozess dar. Der tatsächliche Zerfallsprozess des Realsozialismus wird auch offiziell anerkannt. Das sowjetische System bezahlt den Preis seiner inneren Blockade und seines Versäumnisses, die notwendigen Umgestaltungen zur rechten Zeit und am rechten Ort vorzunehmen, mit Zerfall und Auflösung. Die für jedes gesellschaftliche Phänomen geltende Regel bestätigt sich erneut. Der Widerspruch zwischen dem Ziel und seiner Verwirklichung lässt sich nicht lange gewaltsam aufrechterhalten. Ein Sprung nach vorn, auf eine höhere Stufe, wird entweder durch Reform oder durch Revolution unvermeidlich. Wird dies nicht erreicht, werden innerer Verfall und Auflösung durch reaktionäre Gewalt, in unserem Zeitalter als Faschismus bezeichnet, einer Restauration unterzogen. Die Restauration lässt dasselbe Gebäude mit neuem Material stärker erscheinen als zuvor und gewährleistet seinen Fortbestand. Da die gesellschaftlichen Dynamiken jedoch Bewegung erzwingen, werden diese Gebäude zu Museen, in denen man nicht wohnen kann. Die realsozialistischen und faschistischen Systeme, Produkte von Revolution und Konterrevolution, konnten dem Zusammenbruch nicht entgehen, als sie dem Normalisierungsprozess keine Antwort zu geben vermochten und sich hartnäckig weigerten, die notwendigen Umgestaltungen vorzunehmen. Während die Welt am Ende des Zweiten Großen Krieges den Zusammenbruch des Faschismus erlebte, erlebte sie nach 1990 auch den inneren Zerfall und die Auflösung des Realsozialismus, der ein Produkt jenes Krieges war. Der nun beginnende Prozess besteht darin, dass das System der demokratischen Zivilisation die Oberhand gewinnt, in dem Rechte und Linke durch Entwicklung und Umgestaltungen zusammenfinden. Der maßgebliche Lösungsweg für die Probleme wird durch die vorherrschenden Kriterien des Systems eröffnet werden. Auf dieser Grundlage überprüft die internationale Ordnung ihre Prinzipien und Institutionen und setzt Regelungen um, die den neuen Bedingungen entsprechen. Dies ist die Hauptrichtung des weltweiten Wandels. Der Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert wird weitgehend in Bezug auf dieses zentrale Phänomen bestimmt. Das 21. Jahrhundert erhebt den Anspruch, als Zeitalter der demokratischen Zivilisation und der Menschenrechte bezeichnet zu werden.
Im Nahen Osten befindet sich der Zustand von Krieg und Frieden auf der Grundlage eines seit einem Jahrhundert bestehenden und reaktionär gewordenen Nationalismus in einer vollständigen Sackgasse. Die Energie der Völker wird von reaktionären nationalistischen Praktiken verschlungen. Die Probleme werden nicht gelöst, sondern durch eine Handvoll Krisenprofiteure zur Lebensweise gemacht. Infolge der extremen Ausweglosigkeit führt der Prozess zur Vermehrung noch reaktionärerer Ideologien und zur Bildung religiöser Ordensgemeinschaften.
Als eines der wichtigsten Länder der Region erlebt die Türkei diese Blockade durch immer häufiger wiederkehrende Krisen am stärksten. Sie vermag weder Schritte zu einem Mentalitätswandel noch zu strukturellen Umgestaltungen zu unternehmen. Der Spezialkrieg, den sie in eine allgemeine Mobilmachung verwandelt hat, bringt auch den Staat von seiner traditionellen Linie ab und zieht ihn in einen Bereich rechtswidriger Praktiken, in dem Banden entstehen.
Auch die PKK erlebt eine ähnliche Situation. Weder der weltweite Wandel noch die Entwicklungen in ihrer eigenen inneren Struktur können konkret bewertet werden. Die alten Auffassungen und Haltungen haben ihre ideologische, politische und organisatorische Linie längst verlassen und verwandeln die Organisation in Bandengruppen. Solche Strukturen zwingen die PKK in vielen Bereichen und Gebieten des bewaffneten Krieges durch regelwidrige Lebens- und Handlungsweisen in eine völlig andere, reaktionäre Form. Die Zentrale und die Kader, die Verantwortung tragen müssten, rudern gleichsam vergeblich gegen die Strömung.
Angesichts dieser Wirklichkeiten wird meine Führungsposition zunehmend auf einen engen Bereich beschränkt. Die mit großen Anstrengungen, insbesondere im Landesinneren, unternommenen Vorstöße, zur Linie zurückzuführen und Umgestaltungen zu bewirken, werden durch die Mentalitäten der Bandenbildung zunichtegemacht. Wie im Staat erlebt auch die PKK faktisch eine Phase von Gruppen außerhalb der Linie. Diese Lage führt zu den sinnlosesten Aktionen und lässt tragische Verluste und Leiden lawinenartig anwachsen. Die intensive Wiederholung zur Überwindung dieser Lage macht auch die Institution der Führung funktionslos. So entsteht das günstigste Umfeld für Verschwörungen und Ausschaltungen. Von Anfang der 1990er-Jahre bis in die 2000er-Jahre würde das Schicksal, die Verschwörung, die ich zu zerschlagen versuchte, mich zunehmend von allen Seiten mit ihren Netzen umschlingen.
Seit Anfang der 1990er-Jahre sagten die immer lauter werdenden Schritte innerer und äußerer Verschwörungen gleichsam: »Ich komme.« Dass mein ältester Jugendfreund Hasan Bindal am 25. Januar 1990 durch eine angebliche Unfallkugel getötet wurde, ist in Wirklichkeit ein Ereignis, das viele Geheimnisse in sich birgt. Dieser Mord war mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verschwörung, die Sarı Baran, Mehmet Şener und Şahin Baliç aus der Lagerleitung gemeinsam geplant hatten. Hätte ich diesen Vorfall geschluckt, hätte die Operation sehr kurze Zeit später mit meiner Ausschaltung abgeschlossen werden können. In jenen Tagen wurde ich persönlich Zeuge, wie zwei offizielle Agenten, die mit meiner Ausschaltung beauftragt waren, auf Star TV angesichts der gegen sie erhobenen Vorwürfe, vermutlich zur Verteidigung Cem Ersevers, Folgendes sagten: »Wir sind nicht erfolglos. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir ihn töten können; aber man will ihn lebend gefangen nehmen.« Was vorgeführt wurde, war ein fortgesetztes Geständnis dieser Art. Es enthielt einen wahren Kern. Durch das Bandenwesen, das innerhalb der PKK beträchtliche Fortschritte gemacht hatte, hätte sich dies leicht verwirklichen lassen. Damit auch die Kontrolle über die Organisation in ihren Händen blieb, bestand der Kern ihrer Strategie jedoch darin, mich am Leben zu lassen und erst auszuschalten, nachdem die gesamte Organisation in die Hände der Bande gefallen war. Die gesamte Organisation musste unter ihre Kontrolle gebracht werden. Dafür mussten sämtliche ehrlichen und verbundenen Kader, die sie für gefährlich hielten, durch vorgetäuschte Unfälle vernichtet werden. Şemdin, Kör Cemal, Hogir (Cemil Işık) und Şahin Baliç hatten diesen Prozess jeweils in ihrem Rahmen seit 1986 mit dem verdächtigen Tod Mahsum Korkmaz' eingeleitet.
Jetzt wird deutlich, dass es Hunderte ehrlicher und wertvoller Kader und patriotischer Menschen gibt, die sie entweder durch vorgetäuschte Unfälle oder unter dem Vorwand »Er war ein Agent« bestraft haben. Um die wertvollsten Kader und Aktivisten der Partei zu beseitigen, schickten sie sie wissentlich unter der Bezeichnung von Aktionen in den Tod. Deshalb reagierten sie in der Frage der Befehlsinitiative ungeheuer empfindlich. Denn je mehr Befehlsgewalt sie besaßen, desto mehr Verschwörungen, Morde und Machtgewinn bedeutete dies. Ich werde nicht vom Staat als Ganzem sprechen; doch wie auch im Fall Cem Ersever noch immer nicht aufgeklärt ist, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Kreis direkte oder indirekte Verbindungen zu dieser Bandenbildung in der PKK hatte. Es ist ohnehin bekannt, dass es in dieser Zeit Schwierigkeiten gab, die Bandenbildung innerhalb des Staatsapparats unter Kontrolle zu bringen. In dieser Zeit erfüllten außerdem vor allem die KDP, Teile der KUK, zahlreiche Stämme und Personen mit Sonderaufträgen intensiv Aufgaben innerhalb dieses Prozesses.
Der Grund dafür, dass der Prozess keinen vollständigen Erfolg hatte, war die Entdeckung der Anführer der Bande. Die Bestrafung Şahin Baliçs mit dem Tod, die Flucht von Sarı Baran, Mehmet Şener und Hogir, die frühere Bestrafung Kör Cemals und die Unterkontrollnahme Şemdins brachen die Wirksamkeit der Bande weitgehend. Die große Bedeutung des Falles Hasan Bindal liegt darin, dass er sämtliche Absichten und möglichen Verbindungen der Bande offenlegt. Wäre dieser Vorfall nicht analysiert worden, wäre die Führung in ihren Händen geblieben, und sie hätten versucht, sie nach Belieben zu benutzen. Es ist schwer zu behaupten, dass sie alle bewusst als Agenten tätig waren. Doch die Verbindung einiger von ihnen, insbesondere zu staatlichen Zentren, die sich zu Banden entwickelt hatten, steht fest. Diese Rollen erfüllten sie nicht als registrierte Agenten, sondern in Form stillschweigender Übereinkünfte auf der Grundlage persönlicher und familiärer Interessen, wie dies unter Kurden häufig praktiziert wird. Es waren Menschen, die jede Methode ausprobieren würden, um Organisationseinheiten an sich zu reißen. Diese Lage ähnelt der Art, wie der Hisbollah-Führer den Staat gegen die PKK einsetzt. Einige Gruppen der KDP und der KUK, zahlreiche Stämme und Organisationen unter verschiedenen Namen haben mit dieser Methode viele Raubgeschäfte betrieben und Morde begangen. Eine wichtige Quelle des als »Apo-Prämie« bezeichneten Profitstrebens hatte sich bewusst oder von selbst bis in die PKK hinein ausgedehnt und verbreitete sich wie eine Krankheit.
Meine persönliche Überzeugung ist, dass solche Banden, die den Staat durchsetzt hatten und die Befehlshaber sowie Özal angeblich für erfolglos hielten, am Attentat auf Özal, an seinem Tod und an der Ermordung einiger ehemaliger Generalkommandanten der Gendarmerie beteiligt waren oder dass diese Möglichkeit nicht unterschätzt werden darf.
Das Jahr 1993 bezeichnet einen wichtigen Bruch in der Geschichte des Staates und der PKK sowie die Verbreitung der Abweichung von der offiziellen Linie. Turgut Özals Offenheit für den politischen Dialog führte dazu, dass er Kräften zum Opfer fiel, die er nicht kontrollieren konnte. Es ist bemerkenswert, dass der Generalkommandant der Gendarmerie, Eşref Bitlis, zu dieser Zeit bei einem umstrittenen Flugzeugabsturz ums Leben kam. Die danach lawinenartig zunehmenden Morde unter der Maske der Hisbollah, die Räumung Tausender Dörfer und die verschärften Operationen wurden als Vernichtungsfeldzug verstanden. Die nicht besonders klugen Taktiken der PKK vermochten nicht mehr, als die Verluste zu erhöhen und den Prozess in eine Sackgasse zu führen; die Guerilla ließ sich nicht zu einem richtigen Verständnis und einer richtigen Anwendung legitimer Verteidigung hinführen. Die militärische und politische Führung jener Zeit hatte den Terror weit über die Grenzen des Rechts hinausgetragen. Der Staat geriet immer schneller außer Kontrolle.
Das bedeutendste Verschwörungsattentat dieser Zeit war die Explosion eines mit einer halben Tonne Sprengstoff beladenen Autos am 6. Mai 1996 in der Nähe unseres mit vielen Menschen belegten Hauses in Damaskus. Da meine Telefongespräche abgehört wurden, wurde das Auto in der Annahme zur Explosion gebracht, ich sei zu dieser Stunde dort. Die von der damaligen Regierungschefin Tansu Çiller mit 50 Millionen Dollar aus dem geheimen Verfügungsfonds finanzierte Verschwörung hatte beträchtliche Ausmaße. In der Presse war berichtet worden, dass auch die als Susurluk-Bande bezeichneten Personen, Mahmut Yıldırım mit dem Decknamen Yeşil, einige Angehörige einer syrisch-kurdischen Familie und der damalige Bürgermeister von Viranşehir daran beteiligt waren. Bei meiner Vernehmung erklärten diejenigen, die im Namen des Militärs handelten, beharrlich, diese Gruppe sei verantwortungslos und vertrete weder den Staat noch sie selbst. Sie erklärten, wenn sie gewollt hätten, hätten sie selbst diese Aufgabe mit Raketen erfolgreicher erledigen können. Dass es innerhalb des Staates zwei verschiedene Ansätze gab, war ohnehin bekannt. Mit diesem Ereignis entwickelten sich Aktionen, bei denen sich Freiwillige mit Bomben selbst in die Luft sprengten. Die Gewaltspirale stieg weiter an.
Das Entgleisen des Staates war eine Entwicklung, die alle mit Sorge verfolgten. Die Kampagne »Eine Minute Dunkelheit für das Licht« stand mit diesem Prozess in Zusammenhang. Auch der säkulare Charakter des Staates wurde rasch ausgehöhlt. Der in der Geschichte als 28. Februar bezeichnete Prozess kam vor allem als Restaurationsbewegung auf die Tagesordnung. Indirekt forderte man im Namen der Normalisierung auch die PKK zur Verantwortung auf. Wir begegneten dem mit vorsichtiger Zustimmung. Diese Haltung wurde in der Erwartung eingenommen, dass zumindest die Ermordung unschuldiger Menschen und die Räumung von Gebieten aufhören und das Embargo eingeschränkt werden würden; selbst wenn der Krieg fortgesetzt würde, sollte er wenigstens nach seinen Regeln geführt werden.
Die Bündnisse mit Israel, die die Türkei 1996 auf eine strategische Ebene hob, eröffneten den Nachrichtendiensten erhebliche Möglichkeiten. Israels weltweite nachrichtendienstliche Tätigkeit und Kontrolle sowie die Erklärung der PKK zur »Terrororganisation« erleichterten der Türkei die Verfolgung der Führung. Eine weitere später bekannt gewordene Information war, dass der griechische Ministerpräsident nach Papandreou, Simitis, und US-Präsident Clinton 1996 zu einem gemeinsamen Verständnis gelangt waren, der PKK-Führung keine Legalität zuzuerkennen und sie bei Gelegenheit auszuliefern. Die Einengung des rechtlichen Raums um die PKK nahm weiter zu. Insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien hatten eine intensive politisch motivierte Verhaftungskampagne gegen PKK-Anhänger eingeleitet.
Die Führungen der PUK und der KDP aus Südkurdistan hatten als wichtigste Stützen der Kampagne gegen die PKK 1996 intensive Beziehungen mit den Zentren Ankara, London und Washington aufgenommen, ähnlich dem Bündnis mit Israel. Sie hatten sich darauf verständigt, die PKK und ihre Führung über den Nordirak zu isolieren und den Operationen jede Art von Unterstützung zu gewähren. Als letztes Glied im Plan zur Ausschaltung der PKK und ihrer Führung blieb Syrien. Die gegen Syrien entwickelte psychologische Kriegführung, bei der auch Ägypten auf ihre Seite gezogen wurde, zeigte binnen kurzer Zeit Wirkung. Syrien hielt es für seinen Interessen entsprechender, diesem Druck nachzugeben und sich in der PKK-Frage zu einigen.
Vor meinem Weggang aus Syrien waren die Ansätze eines Kanals bemerkenswert, der den ganzen Sommer hindurch indirekt im Namen der Armee Informationen vermittelte. Man wünschte einen neuen Prozess zusammen mit einem sinnvollen Waffenstillstand. In dieser Frage gab es realistische Ansätze. Der mit Wissen der Organisation unternommene Versuch eines einseitigen Waffenstillstands Ende August 1998 beruhte auf diesen Informationen. Dass dieser Waffenstillstand auf halbem Weg abgebrochen wurde, ließ sich jedoch kaum verstehen. Wäre dieser indirekte Dialog, dessen positive Seite überwog und der bis zur Ausübung unseres Rechts auf legitime Verteidigung reichte, offiziell aufgenommen worden, hätte sich der Prozess wesentlich positiver entwickelt. Ich denke, diese Situation hing mit den Phasen zusammen, die der Prozess des 28. Februar durchlief.
Man war an einen vollständigen Scheideweg gelangt. Es war klar geworden, dass wir den Raum des Nahen Ostens nicht mehr in der bisherigen Weise nutzen konnten. Entweder musste die Führung das Gebirgsgebiet als Hauptquartier wählen, den Krieg auf eine höhere Stufe heben und die städtischen Aktionen steigern, oder sie musste versuchen, die Suche nach einem Ausgleich unter europäischen Bedingungen mit größerer Sicherheit voranzutreiben. Angesichts der festgefahrenen Lage des Krieges, der gewissermaßen an einem blinden Punkt angelangt war, der Möglichkeit des Einsatzes aller Arten von Waffen, falls ich mich im Gebirge befände, und der Überlegung, dass meine Lage eine Vielzahl zusätzlicher Lasten mit sich bringen würde, hielt man es für angemessen, diese Möglichkeit nicht zu wählen. Ein Krieg, der sich um mich konzentrieren würde, barg in jeder Hinsicht große Nachteile. Moralisch wäre es nicht richtig gewesen, mich selbst zur Last zu machen. Zudem waren die kollaborierenden kurdischen Führungen für jede Art von Ausnutzung offen. Es war eine bekannte Tatsache, dass sie meine Anwesenheit dort auf sehr üble Weise nutzen würden. Das Washingtoner Abkommen vom 17. September 1998 war ein Zeichen dafür. Obwohl die Bedingungen in Europa sehr riskant waren, bestand aus einem politischen, kulturellen und demokratischen Verständnis heraus ein gewisses, wenn auch stillschweigendes Vertrauen in das Recht. Dass die amtierende griechische Regierung jedoch gleich am ersten Tag, dem 9. Oktober 1998, unmittelbar nachdem ich das Land betreten hatte, derart tief sinken würde, war niemals vorausgesehen oder erwogen worden.
Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde nach einem langen Vorbereitungsprozess ein weltweiter Verschwörungs- und Putschplan gegen den freien Willen des kurdischen Volkes nun Schritt für Schritt in die Praxis umgesetzt. Wenn wir den Film noch einmal zurückspulen und betrachten, wird deutlich werden, dass dieser Plan tatsächlich bereits Anfang der 1990er-Jahre von London aus für geeignet befunden worden war und auf internationaler Ebene verwirklicht werden sollte. Obwohl die türkischen Dimensionen des Plans mehr oder weniger bekannt sind, sind seine europäischen und amerikanischen Dimensionen nicht klar verstanden worden. Wenn wir seine internationale Dimension nicht erkennen, bleiben unsere Bewertungen unvollständig. Zusammenfassend, auch wenn es eine Wiederholung sein mag:
1- Der Mord an Palme wurde neben anderen Zielen dazu genutzt, die Türkei während und nach dem Regime des 12. September vom Ausland abhängig zu halten und sie vor der kurdischen Freiheitsrevolution zu schützen. Palme hatte Schweden, dessen Ministerpräsident er war, zu einem Zentrum der Unterstützung und des toleranten Umgangs mit Bewegungen in Ländern wie Vietnam und Südafrika gemacht. Schweden hätte auch ein Zentrum der kurdischen Freiheitsbewegung werden können. Palme war gegen die Abstempelung der kurdischen Freiheitsbewegung als terroristisch. Die Theorie der »kurdischen Spur« bei seiner Ermordung und die Bemühungen, die PKK für terroristisch zu erklären und zu verbieten, stehen in engem Zusammenhang mit der Beseitigung dieser positiven Stellung Schwedens. Die Verbindung der damals in Europa starken und noch nicht aufgedeckten Gladio-Organisation der NATO zu diesen und ähnlichen Verschwörungen wird eines Tages aufgeklärt werden. Unmittelbar nach den Aktionen vom 15. August 1984 war, nachdem auch Deutschland sein Gewicht eingebracht hatte, eine Verständigung mit der türkischen Regierung erzielt worden. Durch die Gewährung zahlreicher wirtschaftlicher Vorteile hatte in ganz Europa ein Isolationsprozess gegen die PKK begonnen. Die Palme-Provokation war eines der wichtigsten Glieder dieses Prozesses. Die Spaltung der PKK war eine weitere Entwicklung, die auf die Tagesordnung kam. Einer Gruppe unter der Führung von Çetin Güngör wurde eine Führungsrolle in dieser Richtung übertragen. Kesires Provokationen schienen Früchte zu tragen. Zahlreiche Intellektuelle und Menschen wie Mahmut Baksi und Şivan Perwer waren entfernt worden. Dies lässt sich nicht allein mit den Bemühungen der Türkei erklären. Tatsächlich wurde ein europäisch zentrierter Beschluss umgesetzt. Die türkische Linke war auf diesem Weg längst kastriert worden. Ähnliche Pläne wurden auch auf andere Freiheitsbewegungen der Welt angewandt.
Auch die zentral gesteuerten Verhaftungen von PKK-Mitgliedern durch Deutschland sind ein bewusster Teil dieses Plans. Ziel war die Zersplitterung und die Übernahme der Kontrolle über einen bedeutenden Teil. Bei einer Reise des türkischen Generalstabschefs Doğan Güreş nach London Anfang 1990 gelangte seine Einschätzung »Unser Plan wurde gebilligt« in die Presse. Es wurde deutlich, dass auch London wie Deutschland eine Rolle bei der Ausschaltung übernehmen würde. Ebenso hatte PUK-Vorsitzender Talabani 1991 in Wien, der Hauptstadt Österreichs, mit dem türkischen Außenminister Hikmet Çetin insgeheim vereinbart, die PKK für terroristisch zu erklären. Dieser Ansatz Talabanis spielte, eng verwoben mit der Haltung Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens, eine grundlegende Rolle bei der Terrorismuseinstufung. Mit dieser europaweiten Verständigung wurde eine kurdische Bewegung ohne die PKK angestrebt. Eine kurdische Bewegung ohne die PKK war ein dringend benötigtes Mittel in ihren Händen, das sie im gesamten Nahen Osten einsetzen konnten.
2- Nach 1993, nachdem der Versuch eines Waffenstillstands mit Özal gescheitert war, nahm die nun bestimmende Taktik die Form »Ja zur PKK, nein zu Apo« an. Dass die vollständige Gegnerschaft zur PKK, die eine Millionen umfassende Massenbasis gewonnen hatte, und die Bemühungen zu ihrer Zersplitterung keinen Erfolg hatten, rückte diese taktische Ausrichtung in den Vordergrund. Jeder Staat begann, nach seinen eigenen Vorstellungen »PKK-Kader« aufzubauen. Vom Nahen Osten bis nach Russland und Europa wurden Schritte in diese Richtung unternommen.
Für Şemdin Sakık wurde der Titel »zweiter Mann« erfunden. Apos Ausschaltung war beschlossen, und es wurde berechnet, was danach kommen sollte. Damit Kani Yılmaz eine entsprechende Rolle spielte, zogen sie ihn in einen sinnlosen Haftprozess hinein. Ziel war seine Unterwerfung und seine Verwendung als PKK-Führer nach möglichen Ausschaltungen. Moskau arbeitete an Numan Uçar.
Dies war auch in der Haltung vieler Staaten im Nahen Osten zu spüren. Die PUK und die KDP hatten ihre Spiele gegen die PKK intensiviert. Innerhalb der HADEP wurde eine ähnliche Operation durchgeführt. Während Hatip Dicle, Leyla Zana und die anderen Abgeordneten, die sich nicht unterwarfen, verhaftet wurden, wurde die DEP-Organisation geschlossen. Um die HADEP hingegen fand ein Ringen statt. Kurdistan wurde entvölkert, und Tausende ehrliche Patrioten, die keinerlei organisatorische Straftat begangen hatten, wurden mit furchterregenden Methoden unter der Maske der Hisbollah ermordet. Am 6. Mai 1996, keine halbe Stunde nach dem Bombenanschlag auf die Führung, verkündeten aus London stammende Meldungen der Welt, Abdullah Öcalan sei getötet oder bombardiert worden. Sie wussten im Voraus, was getan wurde.
3- Das israelisch-türkische Bündnis von 1996 und die damals beginnenden Beziehungen der Türkei zu kurdischen und turkmenischen Organisationen im Nordirak gehören in denselben Zusammenhang. Der wichtigste Punkt des Washingtoner Abkommens über kurdische Autonomie vom 17. September 1998 war die Haltung gegen die PKK. Genau wie 1925 war gegen die lange Reihe von Zugeständnissen der Türkei, als wir uns dem Jahr 2000 näherten, eine ähnliche Verständigung zustande gekommen. Dies bedeutete gewissermaßen eine Erneuerung von Lausanne. Die PKK und die kurdische Freiheitsbewegung wurden vollständig isoliert, zur Gefangennahme ihrer Führung wurden Zusagen aller Art gemacht, und auch für sämtliche Operationen gegen die Guerilla wurde gemeinsam mit kurdischen Kollaborateuren, israelischer Technik und Fachpersonal grünes Licht gegeben. Dies war ein Plan der vollständigen Ausschaltung.
Angesichts von Genossen, die nicht einmal das Bandenproblem in den eigenen Reihen gelöst hatten, bei der erneuten Aufstellung ihrer Kräfte gleichgültig handelten und sich nicht von einem unechten Führungs- und Kommandostil lösen konnten, der sich daran gewöhnt hatte, billig auf Kosten der Führung zu leben, und angesichts der äußerst eigennützigen und panischen Haltungen der sogenannten Freunde, vor allem der syrischen und griechischen, deren wahres Wesen noch nicht besser verstanden worden war, blieb der PKK-Führung ein argwöhnischer Gang ins Unbekannte. Mit tiefer Beklemmung begann das Abenteuer des 9. Oktober 1998.
Bei der Bewertung des Aufbruchs vom 9. Oktober '98 muss sehr gründlich und von Herzen analysiert werden, was das Terrain des Nahen Ostens bedeutet. Auf diesem Terrain habe ich nahezu zwanzig Jahre praktischer Tätigkeit verbracht. Ich habe unzählige Beziehungen geknüpft und Arbeiten geleistet. Entwicklungen von historischer Bedeutung kamen zustande. Auch muss in allen Aspekten unbedingt verstanden werden, mit welcher Nervenstärke und welchem Geist diese Entwicklungen, soweit sie mich betrafen, verwirklicht wurden und wie ich standhalten konnte. Viele Kreise, allen voran die PKK-Struktur, bringen nicht die Fähigkeit auf, jenseits des offiziellen Erscheinungsbildes der Sache, das überhaupt nichts besagt, ihren entscheidenden Kern zu begreifen. Es scheint, als glaubten sie, man habe innerhalb einer normalen fortschrittlichen Front ruhmreich gelebt, gearbeitet und Erfolge erzielt. So etwas gibt es nicht. Natürlich verschafft ihnen eine Erklärung durch billige Deutungen Bequemlichkeit. Sie befriedigt ihre dogmatischen Vorstellungen von Politik und Organisation. Wenn diese Haltung nicht ausreicht, flüchten sie sich diesmal in traditionelle Vorstellungen von Heiligkeit und wollen alles mit meinen „außergewöhnlichen“ Persönlichkeitsmerkmalen erklären, um sich billig der Verantwortung zu entledigen. Deshalb war niemand bereit, die von mir gelebte Praxis in ihrer gesamten historischen, mythologischen, philosophischen, religiösen und wissenschaftlichen Bedeutung zu analysieren. Viele Bücher wurden geschrieben; auch ich habe geschrieben. Noch immer bin ich nicht in der Lage, die Wirklichkeiten aufzuschreiben, die ich erlebt habe. Dafür müssen sich die Bereiche der Befreiung entwickeln. Doch viele Personen und Institutionen, vor allem diejenigen, die sich als Genossen ausgeben und die Aufgabe des Verstehens nicht bewältigen, für die die Bedingungen äußerst günstig sind und die nahezu eine Voraussetzung für ihre Entwicklung ist, verurteilen sich mit dieser Haltung in Wirklichkeit selbst zu Stillstand und Scheitern. Wenn möglich, sollen sie die Analyse dieser Jahre und dessen, was diese für die Geschichte und Zukunft der Menschheit, der Kurden und des Nahen Ostens bedeuten sollten, zu ihrer grundlegendsten Aufgabe machen. Denn außerhalb dieser Möglichkeit können sie auf dem Weg zu einem freien Leben weder die Geschichte und das Zeitalter noch die konkreten gegenwärtigen Tatsachen analysieren und dadurch den Weg vor sich erhellen. Für den Augenblick ist dies der einzige Weg, und er erfordert Verstehen und Umsetzung in die Praxis mit großer Mühe.
Wenn ich einen kleinen Teil des Lebens im Nahen Osten, seine politische und diplomatische Seite, in groben Zügen bewerten sollte, lautet seine Definition wie folgt:
Nach so vielen Jahren unversehrt aus den seit den Sumerern angelegten Labyrinthen herauszukommen und der Freiheit der Völker einige Geschenke zu machen, ist mit einer im eigentlichen Sinne prophetischen Haltung und Persönlichkeit möglich. Dieser Prozess ließ mich nicht nur die Institution des Prophetentums begreifen; er zeigte mir auch in ihrem wirklichen Kern, mit welcher Praxis man für die Menschheit eintreten kann. Das bedeutet Folgendes: Jeder Prophet ist ein Aufstieg des Sinns in der gesellschaftlichen Entwicklung. Wie göttlich seine Sprache auch sein mag, sein Wesen führt dazu, dass die sich entwickelnde Gesellschaft in vielen grundlegenden Fragen, allen voran Sinn, Gedächtnis, Sitte, Gewissen, Freiheit und Gleichheit, eine andere kulturelle Stufe erreicht. Das Volk ist in dieser Frage sehr weise und wissend. Ich war überrascht, als sie sagten: „Was Sie tun, bedeutet die Arbeit an einer neuen Religion, einer vierten Religion (womit sie die drei großen Religionen meinten).“ Später verstand ich, was sie damit sagen wollten.
Obwohl es heißt, nach dem Islam sei der Weg zum Prophetentum und zu einer neuen Religion verschlossen, ist dies eine Verteidigung, die der Deutung jedes Zeitalters entspricht, sich selbst für ewig zu halten. Ohne den Einfluss der Kultur der alten Religionen im Nahen Osten auf sämtliche gesellschaftlichen Bereiche, allen voran Politik und Ideologie, sowie ihre Folgen, etwa die faktische Gefangennahme unserer Gegenwart, zu analysieren, lässt sich weder die europäische Zivilisation verstehen noch ein sinnvoller Kampf um innere und äußere Freiheit erfolgreich führen. Die Geschichte vollstreckt ihr Urteil. Durch oberflächlichen Laizismus lässt sich weder die Religion analysieren noch eine moderne Gesellschaft schaffen. Die Ergebnisse zweihundertjähriger Versuche nationalistischer Erneuerung liegen offen zutage. Ebenso lässt sich absehen, wie viel weiteres Leid und Zerstörung das Beharren auf diesem Weg verursachen wird, wie in der arabisch-israelischen Sackgasse. Die Lösung besteht darin, das Wesen der Geschichte zu analysieren und von dort aus eine Möglichkeit der Freiheit zu schaffen.
Für unser Zeitalter ergibt es wenig Sinn, diese Bewegung als „vierte Religion“ zu bezeichnen. Sinnvoller und einer historischen Notwendigkeit entsprechend wäre es jedoch, diese Bewegung als Renaissance des Nahen Ostens zu definieren, auf der Grundlage einer dialektischen Entwicklung, die der europäischen Renaissance des 16. Jahrhunderts ähnelt, jedoch eine Synthese ihrer eigenen zivilisatorischen Wurzeln mit dem Horizont einer Zivilisation jenseits des Kapitalismus verwirklicht. Es wäre übertrieben zu sagen, wir hätten dies geschaffen. Was wir zu tun versuchen, ist ein Beitrag zur eigenständigen Freiheitsbewegung unserer Gegenwart, im Einklang mit dem kulturellen Wesen dieser Länder und durch Übernahme der positiven Wesenszüge des Zeitalters, ohne seiner Reaktion anheimzufallen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies in der Geschichte seinen Sinn finden und zu einer starken, beständigen Strömung eines Aufbruchs werden wird, der mit einer nie erlöschenden Fackel auf die Ziele der Freiheit zuschreitet. Selbst wenn es Mängel und Unreinheiten gibt, haben meine Hoffnung und mein Glaube niemals nachgelassen, dass ihre starken Vertreter diese Strömung weiter reinigen, ihr Bewegungskraft verleihen und ihre angemessenen und realistischen Ziele Schritt für Schritt erreichen werden. Im Gegenteil: Da diese Geographie die geistige und seelische Kraft erlangt hat, die sie ebenso sehr wie Brot, Wasser und Luft benötigt, wird der Sinn des Lebens sich aus den Sackgassen und der Dunkelheit befreien, in die er seit Jahrtausenden geraten ist, auf einem richtigeren und aufgeklärteren Weg begeistert voranschreiten und seine Ziele erreichen. Ein solches sinnvolles Leben zu schaffen, ist wertvoller als alles andere, und sein Wert muss entsprechend gewürdigt werden. Achtung und Verbundenheit gegenüber denen, deren Heldentaten, Leiden und Opfer in der Geschichte ohnegleichen sind, sind gleichbedeutend damit, uns aus der von Jahrtausenden verfluchten Wirklichkeit zu befreien und uns zu heiligen. Wenn dem unbedingt eine neue religiöse Bedeutung zugeschrieben werden soll, muss sie an diesem Punkt gesehen werden. Es gibt darin eine Heiligung, und sie ist genau dieser Wesenskern, den wir zu erhellen versuchen. Diese meine Verteidigung erläutert, was ein zeitgenössisches, vom Fluch befreites und geheiligtes Leben bedeutet.
Mein Vergleich meines Aufbruchs von Damaskus nach Europa mit bestimmten historischen Beispielen wird falsch interpretiert. Wenn aber Geschichte und Gegenwart im Wesen des Heiligen ihren Gang nehmen, ist diese Ähnlichkeit unvermeidlich und richtig. Nur verzerrte und auf Verleugnung beruhende Geschichtsdarstellungen können der tatsächlichen Ähnlichkeit heiliger Werte Schranken setzen. Selbst dieser Zustand ist allenfalls eine Verschleierung. Wirklich ist die kettenförmige Bewegung der Heiligkeiten.
Ich werde vom großen heiligen Paulus sprechen, der insbesondere den europäischen Zweig des Christentums geschaffen hat. Zunächst war er den Aposteln feindlich gesinnt. Seinen Anschluss an die Apostel durch ein Wunder auf dem Weg nach Damaskus schildert er als ein Ereignis, das die Geschichte veränderte. Er wurde in Tarsus geboren und stammt aus einer jüdischen Familie. Von Antiochia aus unternimmt er mehrere Reisen nach Anatolien, Griechenland und Italien. Er ist ein sehr großer und überzeugter Propagandist. Ohne ihn wäre eine derartige Verbreitung des Christentums nach Europa nicht möglich gewesen. Er wurde in Rom getötet.
Die überall in Europa zu seinem Gedenken errichteten Sankt-Pauls-Kathedralen zeigen nicht umsonst eine solche Pracht. Denn im Fundament der europäischen Moral und ihrer Entwicklung bis zur heutigen Stufe liegt der von Paulus gelegte Mörtel der Menschlichkeit. Europa bedeutet zur Hälfte Sankt Paul. Dass er in vieler Hinsicht verraten wurde und man ihn auch zum Werkzeug der Quelle negativer Entwicklungen machen wollte, ändert nichts an dieser Tatsache. Noch interessanter ist, dass es neben den guten Freunden, denen er auf griechischem Boden begegnete, auch viele abtrünnige und falsche Freunde gab. Er beklagt sich zudem über die Unverbindlichkeit einiger Freunde.
Mein Aufbruch aus Damaskus am 9. Oktober '98 erinnert an diese historische Tatsache. Es gibt viele Freunde. Von der Regierungspartei waren zahlreiche Einladungen ausgegangen. Das Parlament hatte mich mit einer Mehrheit eingeladen, die die Verfassung ändern konnte. Vor meiner Reise hatte die Dolmetscherin Ayfer Kaya, die mit einem Freund namens Kostas Baduvas gesprochen hatte, der Minister gewesen und weiterhin Abgeordneter war, am Telefon mehr als zehn Bestätigungen erhalten, dass ich kommen könne.
Als ich ankomme, ist vom „Freund Baduvas“ nichts zu sehen. Diejenigen, die mich empfangen, sind Geheimdienstchef Stavrakis und Kalenderis, der die Rolle eines zeitgenössischen Judas Iskariot spielt (des Apostels, der Jesus verriet) und sich außerdem den Namen Agit gegeben hat. Ihre Haltung unterscheidet sich in nichts von der Haltung der Hellenen vor genau dreitausend Jahren. Eine seit damals unveränderte Haltung der Hellenen besteht darin, Außenstehende und diejenigen, die ihren Interessen nicht entsprechen, als Barbaren zu bezeichnen und Menschen außerhalb ihrer einfachen Welt als Fremde anzusehen; dies ist ein tief verwurzeltes Gefühl. Doch dieser Ansatz drückt nicht die ganze Wirklichkeit aus; er mag in einer Hinsicht die emotionale und moralische Seite der Sache erklären. Die politischen und diplomatischen Realitäten sind anders gelagert.
Die Kurdische Freiheitsbewegung unter Führung der PKK wird als eine Art zeitgenössischer Bolschewismus betrachtet. Die Abstempelung als „starr stalinistisch“ spiegelt ohnehin diese Sichtweise wider. Auch wenn ihre Eigenschaften sehr unterschiedlich sind, ähneln sich die Herangehensweisen. Die offizielle Politik und die Staatenordnung wollen die PKK und die Kurdische Freiheitsbewegung insgesamt nicht in die Legalität aufnehmen. Viele Länder haben sie in die Illegalität gedrängt. Insbesondere Deutschland geht dabei voran. Die USA sind noch rigider. Die Staaten des Nahen Ostens verfolgen denselben Ansatz. Sie betrachten die PKK eindeutig als außerhalb der Legalität stehend. Diejenigen, die freundlich gesinnt sind, handeln nur auf persönlicher und inoffizieller Ebene. Syrien, das als das am stärksten schützende befreundete Land dargestellt wird, ist niemals über die Linie des radikalen arabischen Nationalismus hinausgegangen. Da die Haltung des Staatspräsidenten Hafiz al-Assad als Person von Bedeutung ist, können wir sie in einigen Sätzen bewerten. Meiner Ansicht nach stand Hafiz al-Assad aufgrund seiner großen Autorität und der Bedingungen, die er durchlief, auf einer Linie zwischen dem despotischen klassischen Staat und dem revolutionär-demokratischen Staat. Er hatte einen Fuß des göttlich verstandenen Staates in das Volk hineingezogen. Entgegen der Annahme hatte er den autoritären und heiligen Staat einfach teilweise in den Dienst des Volkes gestellt. Doch ebenso ist es eine Tatsache, dass er die sumerische Vorstellung vom Priesterstaat im Wesentlichen bewahrte. Er war eine nahöstliche Identität, halb hell, halb dunkel. Er war kein Feind der Kurdischen Freiheitsbewegung. Aber die traditionelle Ideologie, das Staatsverständnis, der Nationalismus und die zeitgenössischen diplomatischen Mächte verhinderten seine Freundschaft. Seine größte Tapferkeit bestand darin, nicht feindlich zu handeln, nur weil andere es wollten. Doch in den letzten Tagen vor unserer Trennung hatte er gezeigt, dass er nicht die Kraft besaß, den ägyptischen Präsidenten Mubarak, den Nachfahren des Pharaos, und die Bürokratie um ihn herum zu überwinden. Er war nicht in der Lage, den Nationalismus übermäßig unter Druck zu setzen.
Aus meiner Sicht musste nicht Syrien kritisiert werden, sondern meine eigene Position. Hätte ich Anfang der 1990er Jahre, ja sogar Anfang der 1980er Jahre den arabischen Raum verlassen, hätte die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen können. Mich im Zagros niederzulassen, war die ernsthafteste Möglichkeit. Doch es ließ sich nicht wissen, was die Haltungen des Iran und der kurdischen Kollaborateure hervorrufen würden. Zweitens gab es Genossen, die diese Rolle problemlos und erfolgreich hätten spielen können. In mir überwog die Erwartung, sie sollten dieses Recht nutzen. Doch sie erwiesen sich als so gering, dass sie zeigten, Zwerge zu sein, die sich selbst in einem handbreiten Bach ertränken lassen konnten. Sie verstanden niemals die historische Gelegenheit und den Dienst, den ich ihnen gewährt hatte. Sie gingen verschwenderisch mit den Möglichkeiten um, wie jemand, der ein Erbe durchbringt. Sie nutzten und vergeudeten gedankenlos sowohl sich selbst als auch meine Arbeit und Geduld, die einen ungeheuren Wert darstellten. Dies ist das Thema, das am stärksten kritisiert und einer Selbstkritik unterzogen werden muss. Dennoch glaube ich weiterhin, dass es richtig war, meinen Aufbruch vom 9. Oktober 1998 nicht dorthin zu richten. Denn dann wäre der Krieg persönlich geworden und in reine Rache umgeschlagen. Eine mögliche Gelegenheit zu Frieden und Brüderlichkeit wäre gänzlich verloren gegangen. Obwohl der Gang in die Berge mein Traum seit vierzig Jahren gewesen war, lag der einzige Grund dafür, dass ich vor Kummer beinahe zersprang, darin, dass es wertvoller war, eine friedliche Möglichkeit für das menschliche Leben und die Freiheit vorzuziehen und zu erproben, sei sie auch nur nadelspitzengroß. Selbst in meiner heutigen sargähnlichen Zelle ist der einzige Grund meiner guten Moral, dass mein Leben für einen ehrenvollen Frieden nicht weniger wert ist als ein Krieg, der adelt.
Viel wichtiger ist es, den Kern dieser Haltung der Regierung Simitis zu verstehen. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Haltung im Einverständnis mit den USA und Großbritannien, sogar mit Deutschland, eingenommen wurde. Auch dass Baduvas seine Einladung überhaupt nicht verteidigte, gibt zu denken. Er hätte kategorisch verlangen können, dass ich nicht komme. Dass jemand, der Minister gewesen war, sich derart gering zeigt, ist kaum verständlich. Eine wichtige Möglichkeit besteht darin, dass meine Füße bewusst vom Nahen Osten losgerissen wurden. Dabei könnte der britische Geheimdienst eine grundlegende Rolle gespielt haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Gemisch verschiedener Kräfte beteiligt war. Die späteren Entwicklungen werden folgende Tatsache zeigen: Am wahrscheinlichsten ist, dass geplant war, mich nach Europa zu ziehen und nach der Zerstörung meiner Persönlichkeit und Ehre als gefügiges Werkzeug in ihren Händen in der nahöstlichen Gleichung, vor allem gegenüber der Türkei, einzusetzen. Sobald ich meinen ersten Schritt nach Griechenland tat, würde ich begreifen, dass Recht, Menschenrechte und die Regeln der demokratischen Gesellschaft nicht für mich galten und dass ihre starren politischen und wirtschaftlichen Interessen zugrunde gelegt wurden. Es wäre wenig realistisch, wenn ich die mit Griechenland beginnende Haltung als Angst vor der Türkei oder als Ergebnis einer Verständigung mit ihr bezeichnete. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass sie als westliches System auf höchster Ebene, allen voran Präsident Clinton, die Haltung der Türkei lange im Voraus und äußerst genau untersucht hatten. Auch muss ich feststellen, dass sie sehr bewusst handelten, indem sie das Phänomen PKK und Öcalan der Türkei in der idealsten Weise vor den Kopf platzen ließen und es für ihre eigenen Interessen nutzten. Strategie und Taktik lauteten: sowohl die PKK und die Kurden als auch die Türkei und die Türken zu benutzen; mich zu nutzen, um sie bei Bedarf in einem blinden Krieg zu halten, der fünfzig Jahre dauern würde, bis hin dazu, mich durch die Hand der Türkei töten zu lassen, zumindest aber dies mit den ihnen verbundenen chauvinistischen reaktionären Kreisen zu verwirklichen. So werden die engere Bindung der Türkei an sie und das Abhängigmachen der Kurden unter einem unehrenhaften Flüchtlingsdasein als die Hauptbestandteile der Strategie betrachtet. Das erlebte viermonatige Abenteuer in Europa bestätigt diese Tendenz noch stärker.
Ich muss meine Neigung zur Freundschaft darlegen. Selbst wenn es sich um ein fünfjähriges Kind handelt: Sobald ich jemanden als Freund betrachte, ist es für mich ein Charakterzug, bis zum Ende an ihn zu glauben. Vielleicht ist meine größte Schwäche im Leben (ich selbst glaube das nicht; ich glaube noch immer wie an einen Aberglauben daran, dass die Vertrauensbedingung von Freundschaft und Genossenschaft niemals verletzt werden darf) ein solches Vertrauensgefühl. Ich weiß, dass diese Seite von mir im Namen der Freundschaft und Genossenschaft furchtbar ausgenutzt worden ist. Aber ich bin auch sicher, dass ich sie nicht aufgeben darf, weil sie der grundlegendste menschliche Wert ist. Für mich ist das Spiel mit Freundschaft und Genossenschaft etwas Ähnliches, wie seine Mutter und seine Frau zu verkaufen. Da also das Band der Freundschaft und Genossenschaft in der Person des 20. Jahrhunderts seinen schwersten Schlag erlitten hatte, sollte ich sein letztes und tragischstes Opfer werden. In diesem Sinne muss ich davon sprechen, mit dem 20. Jahrhundert zu ringen. Es wird sehr lehrreich sein, darzulegen, was der Freundschaft widerfahren war, zunächst in Griechenland, dann in Russland, der zweiten Station, zu der ich im Namen einer möglichen Freundschaft ging.
Meine konzentrierte Auseinandersetzung am Ende der beiden Reisen gab mir die Möglichkeit, den griechischen Charakter, wenn auch begrenzt, zu analysieren. Ich spreche vom herrschenden griechischen Charakter. Gewiss hat das Volk einige eigene, von den Herrschenden verschiedene charakteristische Eigenschaften. Die Eigenständigkeit des griechischen Volkes ist seit dem Gott Dionysos eine Tatsache. Es ist begeistert und freundlich. Doch wie in allen Ländern der Welt zu beobachten, ist dieser Charakter besiegt worden und kann nur noch weinen. Sämtliche Völker der Welt können ihre Freundschaften nicht verteidigen. Aber hinterher weinen sie reichlich. Auch wenn sie untereinander Freunde und Genossen sind, handeln sie so. Ihre Trennungen, Verluste und Vereinigungen sind in Tränen und billiger Liebe begraben. Auch wenn man dies respektiert, hat es wenig Wert. Auf Achtung und Liebe, die Freundschaft und Genossenschaft nicht schützen können, habe ich stets verächtlich geblickt, selbst wenn sie von meiner Mutter kommen. Ich habe keine gegenseitige Liebe und kein gegenseitiges Verständnis gezeigt. Es ist, als sage das Schicksal zu mir: „Für die Freunde und Genossen, die du so hoch schätzt, lohnt es sich nicht zu weinen.“ Was ich ablehne, sind nicht Freundschaft und Genossenschaft. Im Gegenteil, es sind die falschen und erbärmlichen Menschen, die ihnen nicht den Wert des Sieges verleihen können und nicht wissen, wie man Freund und Genosse ist.
Betrachtet man die Geschichte der griechischen herrschenden Klasse, so kann nach ihren Denkweisen, die seit den Mykenern im 17. Jahrhundert v. Chr. eine mythologische Gestalt angenommen haben, der Gott Zeus jede Art von Schurkerei und Hinterlist begehen. Er kann jede Frau verführen, die ihm begegnet; aus jedem Teil seines Körpers, aus seiner Stirn, aus seinem Hintern, kann er zahlreiche kleinere Götter gebären, allen voran Athena. Lüge und Täuschung sind seine göttlichen Eigenschaften. Selbst Homer, der an ihn glaubt, gießt klagend in seine Verse, wie er Hektor, den Helden Trojas, täuschte. Hauptsache, es dient den Interessen der Hellenisten. Er ist gewissermaßen wie Jehova, der Gott Israels. Da die Hellenen und die Kinder Israels das auserwählte Volk sind, ist alles, was sie gegen die übrige Menschheit, also die Barbaren, tun, ihr Recht, und auch ihre Götter befehlen es so. Diese mythologische Wirklichkeit wird später zur religiösen und politischen Wirklichkeit werden. Man darf sie nicht als bloße Mythologie abtun. Bis in unsere Gegenwart sind es mythologische Realitäten, die Religion und Politik zugrunde liegen.
Diese mythologischen Eigenschaften bringen zum Ausdruck, wie die griechische herrschende Klasse entstanden ist. Ihre Hauptquelle ist die sumerische Mythologie. Bekanntlich wurden die Hellenen über Anatolien, Phönizien und Ägypten sowohl mythologisch als auch als materielle Gesellschaft genährt. Dieser seit damals unveränderte Klassen- und Nationalcharakter würde mir in seiner ganzen Nacktheit gegenüberstehen. Es ist eine listige, täuschende Mentalität und Moral, die ihren Interessen zuliebe keinem Menschen einen Wert zugesteht und Außenstehende für wertlos und barbarisch hält. Die Wirklichkeit der Menschheit, des Volkes und der Geschichte, die ich vertrat, war auf eine andere historische, politische und kulturelle Wirklichkeit gestoßen, die in ihrem Wesen nicht mit ihr vereinbar war. Dies war in gewissem Sinne eine kleine Fortsetzung der seit den Medern und Persern andauernden Begegnung von Ost und West. Das westliche Tor würde dem östlichen Aufbruch, der in meiner Person seine Vertretung fand, nicht leicht Durchlass gewähren. Athen hatte auch andere Berechnungen. Alle seine Ansätze zielten darauf, gegen die türkische Gefahr jeden und jede Methode zu nutzen. Sie sahen wenig Aussicht, mich persönlich nutzen zu können, selbstverständlich auf freundschaftliche Weise. Sie bevorzugten es, diese Nutzung wie in der typischen britischen Politik als „Hunde sich gegenseitig totschlagen lassen“ zu behandeln. Es wurde deutlich, dass ihre Freundschaft nichts als Täuschung war.
Mein nicht im Voraus geplanter Aufbruch wurde angesichts der entstandenen Notwendigkeit als eine der vorrangigsten Möglichkeiten angesehen, die erprobt werden mussten. Man erlebte eine krisenhafte Phase des Verfallsprozesses, in den man nach dem Realsozialismus geraten war. Ministerpräsident Primakow und Präsident Jelzin waren bedeutende Verräter am Realsozialismus. Aufgrund wirtschaftlicher Interessen und Interessen, die mit geheimer, schmutziger Geheimdienstarbeit verbunden waren, war meine Position, so strategisch sie auch sein mochte, damals sehr leicht verkäuflich. Von denen, die ein ganzes Sowjetsystem verkauft hatten, Achtung vor den Werten der Freiheit zu erwarten, hieß, sich selbst zu täuschen. Die mit dem IWF, den USA, Israel und der Türkei gepflegten Beziehungen machten sicher, dass gegen mich eine rechtswidrige Haltung eingenommen würde. Dabei hatte die Duma mit 298 gegen 1 Stimme einen Beschluss gefasst, mir das Recht auf politisches Asyl zu gewähren. Doch für den despotischen Staat hatte dies wenig Bedeutung. Man wollte mich gewaltsam über die Türkei auf Zypern landen lassen. Höchstwahrscheinlich hätte in Zusammenarbeit schon damals eine Auslieferung stattfinden können.
Dies war keine Wahl, die ich aus Überzeugung getroffen hatte. Dass sich aber ein derart verkommenes Regime über den Idealen von Freiheit und Gleichheit festsetzte, für die so viel Blut vergossen und Leid ertragen worden war, zeigte in Wirklichkeit die tiefe Abweichung des Realsozialismus. Diese Lage bewies, dass er sich vom traditionellen Ausbeutungs- und Unterdrückungssystem nicht gelöst hatte, und erinnerte daran, dass er selbst hinter dem Tempelsozialismus der sumerischen Priester zurücklag. Sie zeigte ein Beispiel dafür, dass das russische Revolutionärtum den Horizont des Kapitalismus und Feudalismus nicht überwinden konnte, dass Staatskapitalismus keinen Sozialismus hervorbringen konnte und sich daher gegenüber dem zeitgenössischen liberalen Kapitalismus nicht behaupten konnte. Dies selbst zu sehen, ließ mich ein weiteres Gesicht des 20. Jahrhunderts besser kennenlernen. Das 20. Jahrhundert ähnelte sehr einem Jahrhundert des Verrats. Das Jahrhundert der Revolutionen und Freiheiten war, noch bevor es zu Ende ging, als ein Jahrhundert an die Schwelle des Jahres 2000 gelangt, das keinem menschlichen Wert grundlegend verbunden war und in dem materieller Eigennutz jedes Prinzip gefangen hielt. Dass es so blutig verlief, war kein Beweis für seine Erhöhung, sondern für seine Barbarei. Das Ganze wurde von primitivem Nationalismus und grobem Materialismus beherrscht. Es handelte sich um die umfassendste Konterrevolution gegen sämtliche erhebenden, wahrhaft menschenrechtlichen und demokratischen Eigenschaften der Menschheit im Laufe der Geschichte.
Man war mit einem Ergebnis konfrontiert, das eine Neudefinition von Revolution und Konterrevolution verlangte. Das Bild, dem ich begegnete, zwang mich, der menschlichen Wirklichkeit richtiger zu begegnen. Es erhellte meinen Vergleich der Prinzipien mit einem im Tagesleben versunkenen Lebensstil. Es stärkte meinen Mut und mein Bewusstsein dafür, dass ich mich nicht an gewisse symbolische Formen klammern durfte und nun die Masken von Gott und Mensch (die dieselbe Wirklichkeit ausdrücken) mutig zerreißen musste. Die Götzen des 20. Jahrhunderts mussten zerbrochen werden. Die Existenz und die Rechte des Individuums mussten vor der Existenz und den Rechten der Gesellschaft stehen, oder zumindest musste der optimale Punkt zwischen beiden (eine produktive und freie Einheit) zugrunde gelegt werden. Individualität und die zugehörigen Rechte der Gnade des Kapitalismus zu überlassen, war ein schwerwiegender Irrtum. Jeder Kollektivismus, der die Existenz und freie Entwicklung des Individuums nicht zur Grundlage nahm, war in Wirklichkeit die Art der sumerischen Priester und dazu verurteilt, herrschende Ausbeuterklassen hervorzubringen. Die Parole „Alles für die Gesellschaft“ war tatsächlich eine Parole der ältesten Klassengesellschaft. „Alles für das Individuum“ hingegen war, so widersprüchlich es auch erscheinen mochte, die Parole der am weitesten entwickelten Klassengesellschaft, des Kapitalismus. Der wesentliche Weg bestand darin, sich auf ein Ideal der Menschlichkeit, Freiheit und Gleichheit zu stützen, ohne den Parolen beider Prinzipien zu erliegen. Sollte der wissenschaftliche Sozialismus Wirklichkeit werden, musste er sich von Dogmatismus und Tempelsozialismus befreien. Jeder Kampf um den Staat stand dem Sozialismus entgegen. Die Suche nach etwas an seiner Stelle war das Wesen des Sozialismus. Selbst wenn die gefundene Formel die Diktatur des Proletariats war, brachte sie nichts anderes hervor als ein neues Mittel der Sklaverei. Eine politische Theorie und Praxis, die auf der Überwindung des Zwangssystems beruhte, eine Freiheit, die von Anfang an das Individuum zur Grundlage nahm, und eine Gleichheitsideologie, die die Gesellschaft durch kollektive Arbeit erhöhte, konnten mit den Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik die Barbarei der herrschenden Klasse überwinden und der ersehnten gesellschaftlichen Utopie ihren realistischen Ausdruck verleihen.
Dass die Reise nach Moskau meine ideologische Vertiefung in dieser Richtung beschleunigte, ist die grundlegendste Antwort, die ich dem Andenken derjenigen geben kann, die an die Utopie des Sozialismus geglaubt und große Arbeit für sie geleistet haben. Das Moskau des 20. Jahrhunderts war so gering geworden, dass es nicht die Kraft besaß, irgendeinen Traum, selbst einen negativen, lebendig werden zu lassen. Es war klar, dass man sich mit der russischen Wirklichkeit mindestens ebenso stark wie mit der griechischen befassen musste. Auch hier zeigte sich deutlich, dass ein Herangehen, bei dem einige Götzen zerbrochen wurden, für das Erreichen der Wirklichkeiten unverzichtbar war.
Die Hinwendung nach Rom am 12. November 1998 erfolgte, weil es die Hauptstadt des einzigen Landes in Europa war, in das man reisen konnte. Die Ankunft gelang mit Unterstützung des Abgeordneten Ramon Montaviani aus der Gruppe der Kommunistischen Partei namens „Neugründung“. Sie fiel in die wenige Monate umfassende Phase der Regierung Massimo D'Alema. Ihre Haltungen verliefen im Zickzack. Sie konnte weder politisch noch rechtlich einen klaren Ansatz zeigen. Unter dem Gewicht der heftigen Provokation durch Kreise des italienischen Großkapitals, der fehlenden vollen Unterstützung durch die europäischen Länder und insbesondere der deutschen Haltung, ihre Persönlichkeit zu erschüttern und sich selbst aufzuzwingen, konnte sie nicht eigenständig handeln. Es entwickelte sich eine Haltung des Abschiebens der Verantwortung. Durch die am besten ausgebildeten Polizeigruppen wurde ein äußerst starker psychologischer Druck ausgeübt. Mir wurde keinerlei Gelegenheit gegeben, das Zimmer zu verlassen. Man drängte darauf, mich fortzuschaffen oder, falls ich auf dem Bleiben bestand, eine äußerst strenge Überwachung zu akzeptieren. Für jemanden mit schweren Verantwortlichkeiten war klar, dass er bei der ersten Gelegenheit gehen musste. Nur gewaltsam hinausgeworfen hatten sie mich noch nicht. Ihre Versuche, vielen Ländern Geld zu zahlen und einen Platz zu organisieren, zeigten ihre wirkliche Absicht. Eine demokratische Rechtshaltung würde nicht an den Tag gelegt werden.
Meine Absicht war, die kurdische Frage auf eine demokratische Plattform zu bringen. Hätte es Unterstützung gegeben, wäre es auch für die Türkei nicht schwer gewesen, zu dieser Haltung zu kommen. Offenbar war Europa nicht für eine ernsthafte Lösung der kurdischen Frage. Dass die Türkei sich mit dem Problem abmühte, kam ihnen eher entgegen. Dies ging auch aus der Haltung Griechenlands hervor. Politik in Europa hätte den Krieg beenden können. Das entsprach jedoch nicht der Strategie des Westens, einschließlich der USA. Deutschlands Haltung zielte darauf, möglichst rasch den Weg in die Berge zu öffnen. Es war klar, dass sie langfristig dachten. Ein auf den Kurden beruhendes Chaos im Nahen Osten kam ihnen mehr entgegen. Daher war mein unerwarteter Aufbruch eine Situation außerhalb ihrer Taktik. Alle ihre Vorbereitungen beruhten auf gezähmten kollaborierenden kurdischen Persönlichkeiten. Die Existenz der PKK, insbesondere meine eigene, machte den kurdischen Trumpf, den sie jahrzehntelang betrieben und in den sie viel Kapital investiert hatten, in ihren Händen unbrauchbar. Entweder würden sie mich stark erschüttern und zu jemandem ohne Persönlichkeit machen, oder sie würden mich ausschließen. Dabei wurde auch die Neigung der USA berücksichtigt. Hätte ich gedrängt, hätte ich bleiben können. Mich aus dem Zentrum zu vertreiben, in dem das römische Recht entstanden war, wäre schwierig gewesen. Doch die politischen Risiken waren schwerwiegend. Auch gefährlichere Bestrebungen eines Staates, der einen solchen Druck ausübte, mussten jederzeit berücksichtigt werden. Meine Abreise bei der ersten sich bietenden Gelegenheit war notwendig geworden.
Die insgesamt vier Monate, die ich in den drei historischen Hauptstädten Europas verbrachte, hatten einige wichtige Tatsachen ans Licht gebracht. Demokratie und Recht hatten nicht die Absicht, dem kurdischen Freiheitswillen sein Recht zu geben. Europa hatte keine humane Kurdenpolitik. Er wurde nur als Argument bei ihren Forderungen gegenüber der Türkei benutzt. Tatsächlich wurden die politischen Linien der letzten zweihundert Jahre fortgesetzt. Sie betrachteten die Kurden im Nahen Osten als das geeignetste Werkzeug, um die Herrscher des Iran, des Irak und der Türkei im Sinne ihrer eigenen Politik unter Druck zu setzen. Dieser grundlegende Grund lag ihrer Weigerung zugrunde, für eine dringende Lösung Stellung zu beziehen. Sie brauchten ein kurdisches Phänomen, das langfristig Probleme schuf. Eine Lösung hingegen würde kein nutzbares Material übriglassen.
Diese Haltung galt auch für die kurdischen Kollaborateure im Nordirak. Eine von Problemen belastete Türkei wäre auf sie angewiesen. Daher war es für ihre politischen Interessen ihnen allen sehr notwendig, dass die PKK stets ein Problem blieb. Sie dachten nicht an eine Lösung mit mir, sondern an Menschen, die nach ihren Wünschen handeln und ihren langfristigen politischen Linien dienen würden. Ich wurde als ihren zweihundertjährigen politischen Perspektiven widersprechend betrachtet. Ein freier Charakter und eigenständige Entscheidungsinitiative waren nichts, was sie akzeptieren konnten. Dies zu akzeptieren, hätte bedeutet, viele kurdische Kollaborateure zu verlieren, die sie jahrzehntelang genährt hatten. Italien wollte von der Türkei mehr Investitions- und Handelsmöglichkeiten erhalten. Dafür konnte es die radikalste Haltung einnehmen. Doch meine Lage durchkreuzte, wie die Praxis zeigte, auch diese Rechnung. Ihre Interessen waren nicht damit vereinbar, meine Persönlichkeit zu ertragen. Offenbar machten europäisches Recht und europäische Demokratie an den Grenzen der kurdischen Frage halt. Gültig war lediglich ein Ansatz gegenüber den Kurden, der ihre Arbeitskraft billig nutzte und sie als Werkzeug langfristiger Nahostpolitik einsetzte. Selbst in dieser Hinsicht war die Politik noch weit davon entfernt, vollständig Gestalt angenommen zu haben. Der vorherrschende Aspekt war, dass Europa in der kurdischen Frage ebenso wie bei vielen allgemeinen Problemen, allen voran dem Balkan, keine ausgeformte Politik hatte. Jeder Staat näherte sich ihr nur im Rahmen von Polizei und Geheimdienst und versuchte auch, über zivilgesellschaftliche Organisationen einzudringen.
Als ich in Rom war und, wie ich glaube, auch in Moskau, war eine weitere Macht, die sich besonders intensiv mit mir befasste, der MOSSAD. Als wolle er sagen: „Ich bin der eigentliche Herr der kurdischen Frage“, offenbarte er zunehmend, dass er im Wesentlichen die Macht war, die das Geheimdienst- und Überwachungsnetz ausbaute.
Die USA, Israel und Großbritannien standen als gesonderter Flügel da. Europa war noch zersplittert. Bei wichtigen Problemen dieser Art fehlte ihm ohnehin eine gemeinsame Politik. Großbritannien führte seit zweihundert Jahren. Eine mögliche Kurdenpolitik war ohne Großbritannien nicht denkbar. Mit der Entstehung Israels wurde die Kontrolle durch den MOSSAD ausgeübt. Zusammen mit Barzani und Talabani waren viele Kurden an das System gebunden worden. Nur die Lage der PKK störte das von ihnen geschaffene System und bedrohte das hergestellte Gleichgewicht. Deshalb machten sie mich verantwortlich und sperrten mich in eine strenge Politik der Bloßstellung und Isolation ein. Ihre Abkommen mit der Türkei von 1996 hatten auch dazu geführt, dass sie operative Rollen übernahmen. Dies nicht gut genug einzukalkulieren, war ein Mangel. Dass wir es selbst in Rom noch nicht ernst nahmen, rührte von unserem Unvermögen her, die Macht Israels einzuschätzen. Später sollte klar werden, dass es Israel war, das auch Moskau hinsichtlich meiner Person in der Hand hielt. Israels Anteil an meiner eigentlichen Verfolgung und meiner Handlungsunfähigmachung war entscheidend. Natürlich betrieben sie dies gemeinsam mit der großen finanziellen und diplomatischen Unterstützung der USA. Damit ich nicht in Moskau blieb, war der IWF-Kredit über acht Milliarden Dollar eingesetzt worden. Für denselben Zweck war der Türkei auch das Blue-Stream-Projekt abgerungen worden. Das Niederträchtigste war, dass sie einander, ohne etwas zu geben und unter reichlicher Ausnutzung meiner bedrängten Lage, zahlreiche Zugeständnisse abrangen. Das in der Türkei „Apo-Prämie“ genannte rentenorientierte System fand international ebenfalls in größerem Maßstab Anwendung. Ganz Europa, Russland, die USA und zuletzt auch die kenianischen Bürokraten würden ihre Erträge erhalten. In meiner Person die Freiheitsforderungen eines Volkes gegen solche materiellen Interessen zu vermarkten, war äußerst niederträchtig.
In Italien zeigte die psychologische Kriegsführung Wirkung. Ich bereitete mich darauf vor, bei der geringsten Gelegenheit zu gehen. Die bäuerliche Einfalt des Moskauer Vertreters Numan Uçar half der Verschwörung, sich weiter zu vertiefen und fortzusetzen. Auch die passive und verantwortungslose Haltung des italienischen Vertreters Ahmet war weit davon entfernt, das Geschehen vollständig zu verstehen. Alle hatten sich in ihren einfachen Welten längst erschöpft. Beim Verlassen Italiens waren sowohl ich als auch Ministerpräsident D'Alema erleichtert. D'Alema hatte in der Prüfung von Demokratie und Menschenrechten schlecht abgeschnitten. Gegenüber dem italienischen Kapital war er ängstlich. Wäre er die kräftige Stimme von Recht und Demokratie gewesen, wäre sein Beitrag zur Geschichte der Freiheit unvergesslich geworden.
Als ich erneut in Moskau ankam, war höchstwahrscheinlich der letzte Akt des Spiels bewusst vorbereitet worden und wurde aufgeführt. Meine Entfernung aus Italien war durch die dunklen Kräfte beider Seiten und die naiven Haltungen der unzulänglichen PKK-Vertreter zustande gekommen. Es war ein Prozess der Vorbereitung des Kreuzes oder des Sarges. Die Leute in Moskau schlugen die ersten Nägel fest ein. Zum ersten Mal begegnete ich Gesichtsausdrücken, die keinen Platz für Freundschaft ließen. Offenbar kam der Beschluss von höchster Ebene und war endgültig. Sie erfüllten ihren Anteil am bekannten Schicksal. Durch Spiel und Gewalt setzten sie mich in ein Frachtflugzeug, und nach einer einwöchigen Haft an einem Ort, der einem Dorfhaus glich und sich später als Bischkek, die Hauptstadt Tadschikistans, herausstellte, kamen im selben Status über Petrograd Nagzakis, der wie ein seltsamer Freund wirkte und angeblich ein pensionierter General war, und die Athener Vertreterin Ayfer mit einem Privatflugzeug, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg nach Athen. Die staatliche Verbindung des Flugzeugs war offensichtlich. Zunächst wollte man uns in Rumänien landen lassen. Nagzakis behauptet, mit Simitis sei vereinbart worden, dass die Übergabe dort erfolgen würde. Das kann stimmen. Als ich nicht zustimmte, landeten wir notgedrungen in Athen. Dieselben Höllenwächter, Stavrakis und Kalenderis, warteten. Doch dies sollte erst einen Tag später geschehen. Am ersten Tag würde ich, wie bei meiner Ankunft, durch den VIP-Saal gehen und einen Tag im Haus von Nagzakis' Schwiegermutter verbringen, einer freundlichen Frau aus dem Volk. Ich hatte sie gefragt: Kann Pangalos Verrat begehen? Sehr bestimmt sagte sie: „Nein, für die Wahl kann es keine bessere Gelegenheit als diese geben.“
Außenminister Pangalos griff zu einer offenen List. In das Haus, in das er mich zu einem offiziellen Gespräch eingeladen hatte, hatte man ein Geheimdienstteam auf höchster Ebene geschickt. In einem unfreundlichen, drohenden Ton sagten sie: „Wir geben dir bis vier Uhr morgens Zeit. Andernfalls tun wir mit Gewalt, was wir für richtig halten.“ Dies war ein feindliches Vorgehen. Sie zeigten ihre wahren Gesichter. Es war klar, dass sie sich vorher verständigt hatten. Übrig blieb, mein noch immer bestehendes freundschaftliches Vertrauen zu nutzen und mich an den gewünschten Ort zu ziehen. Kenia war schon lange zuvor gemeinsam mit der CIA vorbereitet worden. Das sollte ich später verstehen. Kalenderis, dem ich sehr vertraute, gab sein Wort auf die Ehre des griechischen Staates und sagte, dass in Kenia, einem ungefährlichen Ort, an dem die alten Griechen Einfluss hatten, innerhalb von fünfzehn Tagen mit einem vom Außenminister vorbereiteten südafrikanischen Pass eine Lösung gefunden worden sei. Da das Vertrauen zum Freund die Grundlage bildete, konnte ich nicht ablehnen. Neben mir war niemand, der eine ernsthafte Warnung gab. Die Dolmetscherin Melsa, die ich nicht ganz verstand, handelte träge. Sie hätte die Falschheit ihrer Freundschaft durchschauen können. Ayfer hatten sie festgehalten. Tatsächlich war ich isoliert worden.
In diesem Prozess wurde ich Zeuge einiger Handlungen, die den Verrat indirekt mitteilen wollten. Der Fahrer versetzte dem Flugzeug, in das ich steigen sollte, einen heftigen Stoß. Ich bin der Meinung, dass dies eine bewusste Haltung war. Das Flugzeug konnte nicht starten. Doch unmittelbar danach wartete auf einem geheimen Militärflugplatz ein ganz besonderes Flugzeug mit einer nichtgriechischen Besatzung auf mich, das von einem Ort kam, von dem ich vermute, dass es über die Schweiz gekommen war. Es war sehr wahrscheinlich ein Flugzeug der CIA oder des britischen Geheimdienstes. Vor dem Einsteigen fuhr der Taxifahrer mehr als zehnmal hin und her; er wollte das Flugzeug einfach nicht erreichen. Auch daraus zog ich keinen Schluss. Ich hatte so fest daran geglaubt, dass solche Verrätereien im Buch der Freundschaft keinen Platz hätten, dass ich jemanden angefahren hätte, wenn er mir in diesem Augenblick gesagt hätte: „Du wirst entführt.“ Denn im Buch der Menschlichkeit war dafür kein Platz.
Später würde sich herausstellen, dass alles geplant war. Der Botschafter in Kenia, Kostulas, holte mich problemlos vom Flughafen ab. Seine ersten Worte waren bezeichnend. Er wollte zu verstehen geben, dass die Briten und Deutschen etwas Ehre haben könnten, die Griechen aber wenig Ehre und Würde hätten. Aus diesen Worten einen Sinn zu gewinnen, war unmöglich. Er hatte die Absicht, mich gewaltsam bei einer UN-Sitzung abzuliefern. Auch daraus wurde ich nicht klug. Später verzichtete er auch darauf, mit mir zu essen. Er versuchte, sich überhaupt nicht zu setzen. Offenbar verbrachte er die letzten Tage. Auf Anweisung aus Athen wurde verlangt, mich unbedingt aus der Botschaft zu werfen. Vier Gorillas waren geschickt worden. Als wir erklärten, dass wir Widerstand leisten würden, gaben sie auf. Die Ministerien für Äußeres, öffentliche Angelegenheiten, Justiz und Geheimdienst erklärten bis zum Morgen telefonisch auf Ministerebene, dass ich aus der Botschaft entfernt werden müsse, und schienen entschlossen, mich ins Freie zu werfen. Kostulas ging zu einer Sitzung, an der der Sohn des kenianischen Außenministers, der Geheimdienstchef war, teilnahm, und übermittelte mir als Beschluss, dass alles bekannt sei, sogar Fotos von mir gemacht worden seien, die eingeräumte Frist bis zum 15. Februar gehe und sie es mit Gewalt verwirklichen würden, wenn ich nicht gehe. Wenn wir am 15. Februar nicht gingen, konnte alles geschehen, einschließlich der Tötung. Daher war das Gehen an diesem Tag unvermeidlich. Zu bleiben hätte einen Überfall, Widerstand und eine Tötung unter dem Anschein eines bewaffneten Zusammenstoßes bedeutet.
Kalenderis' letzter großer Verrat war dieser: „Ich habe mit Simitis gesprochen. Er hat zugesichert, dass wir über Ägypten in die Niederlande reisen können“, sagte er. Es gab keine andere Wahl, als es so anzunehmen. Zuvor war auch eine Reise in die Niederlande über Minsk, die Hauptstadt von Belarus, erwogen worden. Tatsächlich war auch dies eine Inszenierung. Höchstwahrscheinlich wurde seit dem Aufbruch aus Damaskus alles gemäß einem Plan der CIA, des britischen und des griechischen Geheimdienstes gesteuert, dessen Hintergründe noch immer nicht vollständig bekannt sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Plan als eine der größten Provokationen der Geschichte vorbereitet worden war. Aber ich kann unmöglich behaupten, alles über seine wahren Hintergründe zu wissen. Nur sie selbst können dies wissen. Was wir tun können, ist die entstandenen Entwicklungen richtig zu deuten. Sie hatten die kenianische Polizei bis ins Innere der Botschaft gelassen. Sie ließen deutlich spüren, dass mein Nichtgehen einen Überfall bedeutete. Der Verantwortliche sagte in wenigen Sätzen: „Wir wollen in unserem Land kein Blut vergießen.“ In der Zwischenzeit könnte es zum Einsatz von Medikamenten und Betäubungsmitteln gekommen sein. Das Küchenpersonal war der Botschaft absolut unterstellt. Mein Zustand war gewissermaßen der eines Schlafwandlers. Daher war es in diesem Prozess sehr wahrscheinlich, dass sie Medikamente in der erforderlichen Dosierung verwendet hatten, um mich am klaren Denken zu hindern. Auch die Wirkung von Betäubungsmitteln könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass ich selbst sehr offensichtlich verdächtige Situationen nicht durchschaute.
Ich bemerkte, dass sich um das Flugzeug, in das ich stieg, große Männer mit grünen Augen, blondem und braunem Haar und automatischen Gewehren in den Händen postiert hatten. Es war sehr wahrscheinlich, dass sie Angehörige der CIA und des MOSSAD waren. Noch wahrscheinlicher ist, dass auch diejenigen, die in der Botschaft Fotos von mir gemacht hatten, vom MOSSAD waren. Im Flugzeug stürzte sich das türkische Spezialteam auf mich und drückte mich zu Boden. Sie nahmen mir alles ab, was ich bei mir trug, fesselten jeden Teil meines Körpers fest mit Klebeband, klebten dasselbe dicke Band über meine Augen und ließen mich im hinteren Teil des Flugzeugs liegen. Das Flugzeug gehörte Cavit Çağlar. Es war ein Vorgang, der den Charakter der Regierung des Rechten Weges widerspiegelte. Das Flugzeug landete zweimal. Einer der Orte war Ägypten, der andere entweder Israel oder Zypern. Als ich mit einem Schiff auf die Insel gebracht wurde, war es der Morgen des 16. Februar. Als meine Augen im Flugzeug zum ersten Mal freigelegt wurden, wollte ich folgende Botschaft sagen: „Dieser Erfolg gehört nicht euch. Diejenigen, die behaupten, eure Freunde zu sein, handeln nicht ehrlich. Sie wollen dieses Spiel mit beiden Seiten spielen. Ich habe niemals Feindschaft gegen das Türkentum betrieben. Mütterlicherseits habe ich sogar Blutsbande mit den Türken. Frieden und Brüderlichkeit sind der einzig richtige Weg. Es steht fest, dass ich meinen Kampf von nun an auf dieser Grundlage führen werde.“ Eigentlich war meine erste Haltung, bis zuletzt nicht zu sprechen. Doch sofort wurde klar, dass diese Haltung dazu führen würde, dass die Verschwörung unverändert verborgen blieb. Zu leben, um die Verschwörung aufzudecken, war richtiger. Ich erinnere mich daran, dass sie mich unterwegs aus dem Flugzeug holten und etwas schleiften; als ich sagte: „Bringt ihr mich zu einem Mord mit unbekanntem Täter?“, antworteten sie: „Diese Chance geben wir dir nicht. Halt den Mund, sonst machen wir ihn zu.“
Der erste, der mich auf der Insel empfing, war ein Offizier im Rang eines Oberstleutnants, der erklärte, den Generalstab zu vertreten. Im Kern sagte er: „Bei dieser Sache gibt es viele Spiele. Wir wollen sie brüderlich lösen. Wir werden diesen Machenschaften keine Gelegenheit geben.“ Das war eine Haltung, die ich kaum erwartet hatte. Ich war niemals in der Lage, ihre Vertrauenswürdigkeit zu messen. Neben taktischer Täuschung könnte er auch eine politische Linie ausgedrückt haben. Es gab keine andere Möglichkeit, als abzuwarten. Zehn Tage blieb ich in einer Zelle unter sehr schweren Bedingungen. Polizei, MİT, Gendarmerie und Generalstabsgeheimdienst führten eine vierfache Kreuzvernehmung durch. Es gab keinen groben Druck und keine Beschimpfungen. Doch die geistige und psychologische Atmosphäre war für mich sehr schwer. Standzuhalten war ein Wunder. Zehn Tage lang sprach ich so, wie ich es für richtig wusste und hielt. Ich bezog Stellung. Ein Teil meiner Aussagen wurde veröffentlicht. Ein anderer Teil nicht. Es war sicher, dass ich einem anderen Gesicht des Staates begegnet war. Sie gingen reif an die Sache heran. Es war schwer für mich einzuschätzen, wie weit sie in den gespielten Spielen steckten oder ihnen entgegenstanden. Meine grundlegende Haltung bestand darin, von Anfang bis Ende mit Überzeugung, Entschlossenheit und Bewusstsein eine Linie zu verteidigen, die den Völkern die Möglichkeit einer Gemeinschaft in ehrenvollem Frieden und brüderlichem Leben bot. Diese Lage widersprach meiner ideologischen und politischen Linie nicht. Da meine Stellungnahme gegen Separatismus und gegen Gewalt, die über legitime Verteidigung hinausging, meiner ideologischen Linie entsprach, setzte ich meine Haltung ohne Schwierigkeiten fort.
Der Prozess von İmralı hatte keine legitime, universelle Grundlage, wie sie die Europäische Menschenrechtskonvention verlangt. Der Sache lagen eine schwere Verschwörung und eine Entführung zugrunde. Das Gericht hätte unter diesen Bedingungen nicht stattfinden dürfen. Außerdem wurde dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mitgeteilt, dass zahlreiche Aspekte der Menschenrechtskonvention widersprachen. Symbolisch war die Aufführung des an die Öffentlichkeit gerichteten Teils eines Theaterstücks, das im Allgemeinen außerhalb der Drehbuchautoren und Regisseure lag, die es vorbereitet hatten. Meine Verteidigung als „Botschaft demokratischer Verständigung und des Friedens“ abzugeben, war für mich die richtigste Haltung. Für eine umfassende Verteidigung gab es weder hinsichtlich der Zeit noch des Materials noch der psychologischen Vorbereitung geeignete Bedingungen.
Ich gab zahlreiche Erklärungen zum İmralı-Prozess ab. Ich hoffe, dass ihr Kern unverändert in den Bänden eines Buches veröffentlicht wird. Die dortigen Fragen hier zu wiederholen, wäre wenig sinnvoll. Darüber hinaus gibt diese meine Verteidigung die ideologische, politische und moralische Grundlage all meiner Dialoge mit den Anwälten wieder und sollte als ergänzend betrachtet werden. Einige Kreise im Inneren und im Äußeren wollten meine Haltung zerstören. Das war die bedenklichste Lage. Ich wollte diese Fragen, die selbst wichtiger als meine Gesundheit und mein Tod waren, ständig klären. Weit verbreitet war die Propaganda, ich hätte „mit dem tiefen Staat und dem Generalstab eine Vereinbarung getroffen, mich verständigt oder mich ergeben“. Diese Propaganda war zielgerichtet; sowohl ihre inneren als auch ihre äußeren Anhänger wollten damit ihre wahren Gesichter verbergen. Hätte es eine Verständigung gegeben, hätte ich es als Ehre angesehen, die Lage bekanntzugeben. Ich betonte immer, dass es eine solche Lage nicht gab. Mit der Frage des Waffenstillstands hingegen befasste ich mich seit 1993. In Verbindung mit dem Waffenstillstand vom 1. September 1998, den ich zuletzt in Damaskus einseitig erklärt hatte, vollzog ich am 1. September 1999 den Rückzug über die Grenzen hinaus, soweit es die Bedingungen erlaubten und für eine angemessene Zeit, als zweiten Schritt auf Grundlage der Entschlossenheit, den Waffenstillstand realistischer zu gestalten. Die gegenwärtige Lage ist eine Position, in der aufgrund zwingender Bedingungen eine begrenzte Streitmacht im Inneren und ein großer Teil außerhalb auf Grundlage legitimer Verteidigung Stellung bezogen haben, in Erwartung eines „Dialogs für demokratische Verständigung und Frieden“.
Es ist bekannt, dass die Verantwortung dafür, dass Politik, Regierung und Parlament keine Lösung suchen, bei ihnen liegt und dass die gegenwärtige Lage in jeder Hinsicht Risiken birgt. Wird diese Lage nicht auf positiver Grundlage überwunden, kann die Gefahr nicht außer Acht gelassen werden, dass eine größere und länger anhaltende Gewaltspirale die Atmosphäre erfasst. Verständigung wird in einer substanziellen Verwirklichung des Begriffs der „demokratischen und laizistischen Republik“ gesucht. Es ist gut bekannt, dass die Kurden an allen politischen Gebilden und Staaten beteiligt waren, die die Türken im Laufe der Geschichte in Anatolien geschaffen haben, und dass das jüngste Beispiel dafür durch die Gründung der Republik Türkei und den zuvor geführten nationalen Befreiungskrieg bewiesen wurde. Man glaubt und erwartet, dass eine Lösungsmöglichkeit entstehen wird, wenn diese aus den Aufständen hervorgegangene Politik der Verleugnung, die bis heute in verschiedenen Formen fortdauert, aufgegeben wird. Die Integration der Kurden als freie Bürger und als Volk in die Republik, unter Berücksichtigung auch der Maßstäbe universellen Rechts, wird als strategischer Ansatz betrachtet.
Diese Haltung, die sich im Programm, in der Strategie und in den Taktiken der PKK für die neue Phase widerspiegelt, werde ich nicht wiederholen, da sie in den entsprechenden Abschnitten meiner Verteidigung ausführlich erläutert wird. Politik und Haltung muss die oberste Ebene des Staates bestimmen. Diese Wirklichkeit ist nicht nur für die Kurden der Türkei, sondern für die Kurden in allen Teilen als strategischer Ansatz vorgesehen.
Obwohl die Wirklichkeit so klar ist, besteht ein bedeutender Teil der Haltungen gegenüber der PKK aus Verleumdungen wie „Apo begräbt die kurdische Frage auf İmralı“, um die äußerst hässlichen und verräterischen Gesichter der erschütterten und entlarvten Kreise zu verbergen. Es ist von großer Bedeutung, diese genau zu verfolgen und Rechenschaft von ihnen zu verlangen.
Diese Verleumdungs- und Diffamierungskampagne, die insbesondere seit zehn Jahren mit der Aufzwingung eines erbarmungslosen Verrats sowohl von den Kollaborateuren Südkurdistans als auch von Kreisen geführt wird, die sich nach Europa geflüchtet haben, in jeder Hinsicht an Europa gebunden sind, keine moralischen Werte anerkennen und ihr ganzes Leben dem Anti-Apoismus verschrieben haben, wird sie nicht retten. Die PKK steht mit ihrer Haltung zum Krieg und zum Frieden offen da. Ihre Stärke, ihre Gefallenen und ihr Volk stehen ebenfalls offen da. Wo sind diese Leute? Sie wollen Krieg. Wer hindert sie am Kämpfen? Wem, welcher Macht dienen sie, indem sie die PKK aufhetzen? Wenn sie ehrlich sind, steht ihnen das Feld offen. Sie sollen die kurdische Frage in den Bergen, in der Ebene, in der Stadt, im Dorf, im Inneren und im Äußeren vertreten. Sie sollen durch Widerstand bis zum Ende ein Beispiel geben, damit sie beweisen, dass sie keine Betrüger und Verleumder sind.
Die südlichen Kollaborateure leben seit zehn Jahren auf dem Rücken der PKK mit dem Traum von Autonomie. Sowohl die PUK als auch die KDP entwickelten mit ihren abhängigen und Satellitenkräften furchtbare Haltungen gegen die PKK. Für sie gab es zwei Wege: entweder durch aufrichtige Selbstkritik zu demokratischer Verständigung und Frieden zu kommen oder auf die Autonomie zu verzichten, die sie nicht verdienen und die ohne die PKK nicht verwirklicht werden wird. Ihre seit vierzig Jahren betriebene Politik und Diplomatie haben dem kurdischen Volk mehr geschadet als viertausend Jahre fremder Vorherrschaft. Wenigstens von nun an sollen sie wissen, wie man ehrlich ist und zu Frieden und Demokratie gelangt. Andernfalls sollen sie erkennen, dass sie selbst dann, wenn die ganze Welt käme, ihrer Lage nicht entkommen könnten. Sie sollen nicht vergessen, dass dies die Entschlossenheit aller Gefallenen, Genossen, des Volkes und meine eigene ist.
Mein İmralı-Prozess wird im Einklang mit dem Geist dieser meiner Verteidigung fortgesetzt werden. Meine Haltung ist, jederzeit zu Frieden und demokratischer Verständigung bereit zu sein, als würden sie morgen stattfinden, ebenso aber einem Vernichtungskrieg, der morgen mit mir beginnen könnte, bis zuletzt entgegenzutreten und ihm stets mit Überzeugung, Entschlossenheit und Vorbereitung zu antworten. Außerhalb dessen habe ich weder Leben gekannt noch verstehe ich es. Für diejenigen, die mir trotz ihrer sehr großen Unzulänglichkeiten stets ihre Hoffnungen und Verbundenheit entgegengebracht haben, ist es auch eine Lebensfrage, in allen Aspekten zu verstehen, was diese Wirklichkeit bedeutet, und entsprechend ihren Bedingungen das Erforderliche zu tun. Zu wissen, wie man verbunden bleibt, und nach den entsprechenden Maßstäben zu handeln, ist äußerst wichtig; es verlangt, das eigene Leben gegenüber jeder möglichen Entwicklung vollständig organisiert und vorbereitet zu halten.
Ich glaube, dass ich mit dieser Verteidigung meine umfassende Antwort auf viele unvollständig gebliebene und Fragen aufwerfende Punkte gegeben habe. Indem ich unserem Volk und den Genossen, den Freunden aus allen benachbarten Völkern, allen voran dem türkischen Volk, und aus der Welt in umfassendster Weise Antworten auf ihre Erwartungen und zumindest zum İmralı-Prozess gebe, der viel Neugier hervorruft und dessen schwere Bedingungen ich weiterhin erlebe, begleiche ich meine Schuld. Dass sie ihre Kritik unter derselben Verantwortung entwickeln und den Erfordernissen meiner Kritik nachkommen, ist ebenfalls meine Erwartung an sie und mein Recht.
Die Verschwörung vom 9. Oktober bis zum 15. Februar, die ein untrennbarer Bestandteil der seit den Sumerern gegen unser Volk entwickelten Kolonisierungsbemühungen ist und als die umfassendste der im Wesentlichen auf kollaborierende Kräfte und Personen in Freundesgestalt gestützten Verschwörungen Wirklichkeit wurde, ist weit davon entfernt, das gewünschte und geplante Ergebnis zu erreichen. Diese Verschwörung, die sämtliche Verräter und Kollaborateure des 20. Jahrhunderts unter dem höchsten imperialistischen Willen vereint, in einen historischen Frieden Anatoliens und Mesopotamiens umzuwandeln, steht als Aufgabe vor unseren Völkern und all ihren verantwortlichen Kräften. Sich dieser Aufgabe anzunehmen, ist die einzig richtige Haltung sowohl für den starken Zusammenhalt des Landes als auch für die substanzielle Einheit der laizistischen und demokratischen Republik. Dies ist zugleich der Weg zu dem im Laufe der Geschichte ersehnten ehrenvollen Frieden, zur Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit.
